Viele spanische Alltagsregeln mussten wir im Eiltempo lernen. Wir wollten von Anfang an mit den Spaniern spanisch leben. Deshalbbeschlossen wir, uns allein und ohne Steueragent durch den Behördendschungel zu kämpfen. Schließlich wollten wir etwas erleben. Wir mussten ein Telefon beantragen, Strom undWasser ummelden und uns im Rathaus anmelden. Das erste Problem, das sich uns stellte war:Wo ist das Rathaus? Stadtpläne bekam man meistens im Rathaus. Ohne Rathaus keinen Stadtplan und ohne Stadtplan kein Rathaus. Antonio erklärte mir sehr umständlich, wo sich das Rathaus befand und nach seiner Beschreibung wusste ich, dass ich es nie finden würde. Aber dieses Problem war relativ leicht zu lösen. Jeder spanische Ort hat einen Dorfplatz und dort fragt man einfach einen dieser vielen älteren Herren, die auf den Parkbänken sitzen oder auf der Straße stehen. Nirgends sieht man so viele alte Männer auf der Straße, wie in Spanien. Immer gut gekleidet und stets bester Laune. Wahrscheinlich werden sie von ihren Frauen auf die Straße geschickt, damit sie bei der täglichen Hausarbeit nicht im Weg sind. Sie scheinen nicht sehr unglücklich darüber zu sein.
Ich fragte also eine Gruppe Männer: »Entschuldigung Señores, wo ist hier das Rathaus?«
Man fragt einen und zehn antworten gleichzeitig. So redeten also auf dem Dorfplatz alle befragten Herren durcheinander, gestikulierten wild mit den Armen herum - nächste Straße links, zwei Straßen weiter an der Ampel rechts, dann wieder links»Ach was«, sagte einer, »Ich muss sowieso in die Richtung, ich gehe mit.«
Er schaute mich keck an: »vamonos«, - gehen wir!
Seine Augen funkelten unternehmungslustig und er erinnerte mich ein bisschen an Pinocchio. Die spitze Nase, das kecke Hütchen, seinübermütiges, zahnloses Lachen und das adrette, ärmellose Westchenüber dem gebleichten, superweißen Hemd verlieh ihm eine gewinnende Vertrauenswürdigkeit. Ich hatte das Gefühl, mit ihm könnte ich bis ans Ende der Weltmarschieren. Er würde immer für gute Unterhaltung sorgen. Unter aufmunternden »Vaya« und »Hombre«-Rufen zogen wir los. Manolo hieß er und er wollte genau wissen, mit wem er da durch die Straßen Crevillentes spazierte.
»Aus Alemania kommst du, madre mia, so weit her!« meinte er.
Seine Kenntnisse über Deutschland beschränkten sich darauf, dass es dort affenkalt sei, man gutes Bier mache und es da eine Fußballmannschaft namens Bayeeer Munitsch (Bayern München) gebe, die − wie er mir stolzmitteilte − neulich gegen irgendeinen spanischen Club verloren hatte.
Aus jeder Ecke um die wir bogen, kamen aufmunternde Rufe undAnfeuerungen. Langsam hegte ich den Verdacht, dass Manolo nicht schnurstracks mit mir zum Rathaus lief, sondern die ein oder andere Biegung einbaute, um seine neue Eroberung vorzuführen.
»Wie alt schätzt du mich?« fragte er mich plötzlich.
Ich schätzte ihn auf circa 70.
»Stell dir vor, ich werde nächsten Monat 91«, verkündete er mir triumphierend. Neidlos musste ich anerkennen, dass die spanische Lebensart jung erhält.
Vor der nächsten Ecke, wo Manolo wieder ein paar Amigos vermutete, sagte er: »Mit 91 kann man nicht mehr so gut laufen, lass mich bei dir einhängen.«
Und schon hing er bei mir am Arm. Wie vorhergesehen, erwartete uns eine lautstarke Begrüßung mit »caramba« und »olé.« Er schritthocherhobenen Hauptes mit mir im Schlepptau vorbei und als Höhepunkt rief er seinen Freunden zu: »Esta es mi flor de primavera!« - Das ist meine Frühlingsblume!
Ich muss zugeben, es hat mir gut getan. Wenn ich mich nämlich selbstkritisch in der Pflanzenwelt einordnen müsste, würde ich mich eher bei den Herbstzeitlosen wiederfinden.
Vor dem Rathaus angekommen, verabschiedeten wir uns wie zwei alte Freunde. Fröhlich singend und seinen Stock schwingend zog der kleine 91jährigeManolo von dannen.
Dank meines im Rathaus ergatterten Stadtplanslernte ichdann den direkten Weg vom Dorfplatz zum Rathaus kennen. Ich vermute, dass mich Manolo auf unserer gemeinsamen Wanderschaft der halben Stadt vorgestellt hat. Immer, wenn ich den Platz später überquerte und mich ältere Herren freundlich grüßten, hatte ich das Gefühl, dass sie sich lächelnd erzählten: »Das ist doch die, mit derManolo damals loszog.«
Leseprobe aus
"Opa macht den Führerschein und andere Katastrophen"
Was für ein Segen ist so ein Anrufbeantworter
Heutzutage kauft man ja nicht einfach ein Telefon. Man kauft ein Multifunktionsgerät. Ich hege den Verdacht, dass so ein Kauf die reine Beschäftigungstherapie ist. Ist Ihnen langweilig? Kaufen Sie doch einfach ein Telefon! Mindestens eine Woche sind Sie beschäftigt, bis Sie wenigstens damit telefonieren können. Denn schließlich müssen Sie vor Ihrem ersten Anruf das 47-seitige Handbuch durchpauken. Da ist die Rede von einer Basisstation und einem Mobilteil, von einem Display und einem Menu - und Sie befinden sich nicht in einem Restaurant. Es wird Ihnen die Benutzung der Rubriken und untergeordneten Rubriken erklärt. Dann müssen Sie eine Anrufliste konfigurieren und eventuell Netzbetreiberdienste anmelden.Ich überließ diese nervenraubenden Tätigkeiten meinem geliebten Ehemann, der für sämtliche technischen Belange in unserem Hause zuständig ist.
Unser Telefon funktionierte so einigermaßen, als mein Mann übermütig wurde und die Funktion »Anrufbeantworter« aufrief. Sein Kopf flog zwischen Bedienungsanleitung und Telefon hin und her, er hämmerte auf die Tasten, es piepste etliche Male und er fluchte: »Was soll der Blödsinn jetzt?«.
Der Hund wurde von dem Gepiepse angelockt und stupste Herrchen am Arm.
»Na du hast mir gerade noch gefehlt«, wetterte mein Liebster.
PIEP – machte der Apparat wieder und ein grünes Lichtlein blinkte kurz.
»Hat das jetzt womöglich aufgenommen?«, fragte mein Mann entsetzt.
Wir waren irritiert. Mit dem Handy riefen wir unseren Festnetzapparat an und hörten, wie unsunser neu programmierter Anrufbeantworter mit den Worten: »Was soll der Blödsinn jetzt, na du hast mir gerade noch gefehlt«, begrüßte.
Es gibt manchmal Dinge, die könnte man nicht besser treffen.
Es dauerte einige Zeit, bis wir die Funktion zum Abstellen des Anrufbeantworters fanden. Wir wissen nicht, wie viele Freunde wir in der Zwischenzeit verloren haben.